Stellwerk Zollverein e.V.
Druckansicht
"Neuland betreten"
Internationales Atelierstipendium im Stellwerk Zollverein
Das erste Atelierstipendium - 2004/05 Unter dem Motto „Neuland betreten“ schrieb der Stellwerk Zollverein e.V. im März 2004 erstmals weltweit ein Internationales Atelierstipendium für Bildende Künstler im Internet aus. Das Goethe Institut und der Deutsche Akademische Austausch Dienst publizierten die Ausschreibung. Interkultureller Austausch, so lautete der Anspruch, sollte als situatives Kunstprojekt vor Ort realisiert werden. 123 Bewerberinnen und Bewerber reichten ihre Mappen ein. Diese wurde im Juni von einer fachkundigen Hauptjury begutachtet. Neben Dirk Otto, dem ersten Vorstand des Stellwerk Zollverein e.V., gehörten ihr an: Der Kunstsammler Ulrich Ströher aus Darmstadt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein, der Essener Galerist Gerd Schütte, der an der Hochschule für Bildende Künste Dresden lehrende Künstler Prof. Carl Emanuel Wolff und der Kunsthistoriker Prof. Dr. Joachim Petsch von der Ruhr-Universität Bochum. Die einstimmige Wahl fiel auf die Fotografin Laura Ribero aus Bogota. Sie überzeugte die Jury mit ihrem Projektvorschlag „Nomadic Territory“. Im Oktober trat sie ihr Stipendium im renovierten Stellwerk auf Schacht 4/5/11 (Triple Z) für die Dauer von drei Monaten an. Es wurde um einen weiteren Monat bis Ende Januar verlängert. Zum Ende ihres Aufenthalts präsentierte Ribero die Ergebnisse ihrer Arbeit in der Ausstellung „Looking for Wonderland – Auf der Suche nach dem Wunderland“, die vom 29.01. bis zum 06.02.2005 an der Essener Str. 8 in Essen Stoppenberg gezeigt wurde.
Die Stipendiatin - Laura Ribero
Laura Ribero hatte seit Beginn ihrer professionellen künstlerischen Arbeit im Jahr 1998 bereits einige Ausstellungen in ihrem Heimatland sowie Italien und Spanien. Dazu gehören renommierte Ausstellungsteilnahmen in Bogota (Kolumbien), z. B. im Museum für zeitgenössische Kunst, im Museum für Moderne Kunst und im Nationalmuseum. Ihr Werk umfasst die Gattungen Zeichnung, Skulptur, Video und Neue Medien, vor allem aber die Fotografie. Ihre Motivfindungen sind durch eine von soziologischem Interesse geprägte Herangehensweise charakterisiert. Inhaltliche Schwerpunkte sind u. a. Urbanismus, Migration und Identität. Innerhalb ihres Œuvres lassen sich zwei dominante Werklinien verfolgen, die in der während des Stipendiums entstandenen Werkserie stärker zusammenkommen: Einerseits streng komponierte, ins Theatralische übergreifende Rollenporträts und andererseits topographische Architekturfotografien. Besondere stilistische Kennzeichen ihrer Bilder sind kontrastreiche Farbigkeit und impressionistisch anmutende Lichtwirkungen, die beide zugleich als Bedeutungsträger fungieren können.
Die Ausstellung - "Looking for Wonderland - Auf der Suche nach dem Wunderland"
Im Rahmen ihres Essener Werkprojekts konzentrierte sich Laura Ribero auf das städtische Umfeld in der unmittelbaren Umgebung ihres Ateliers. Sie fand heraus, dass der Nord-Süd-Verlauf der alltäglich von ihr benutzten Straßenbahnlinie 107 ein innerstädtisches soziales Gefälle vor Augen führt. Die Fahrt vom gutbürgerlichen Süden zum Weltkulturerbe Zollverein mündet gerade in der Mitte des Stadtteils Katernberg, wo seit Schließung der Industrieanlagen (1986) die Umbrüche des Strukturwandels besonders markant sind. Ribero richtete den Blick auf ihr besonders charakteristisch erscheinende Wohn- und Lebensumstände sowie Zwischenräume der Ortlosigkeit und Unbehaustheit. Und sie fand den persönlichen Kontakt zu Bewohnern, jungen Migrantinnen und Migranten aus der Moschee, der Sprachschule und sozialen Einrichtungen. Dabei kam sie zu folgender Einsicht:
„Es ist ein bisschen wie bei Alice im Wunderland. Die Menschen träumen von einer perfekten und neuen Welt und finden nicht hinein.“
Deshalb orientierte sich Ribero bei der Motivsuche an den in Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker „Alice im Wunderland“ beschriebenen Geschichten. Es entstanden Bilder zur Konstruktion von Identität, Porträts von ausländischen Stadtteilbewohnern im Verhältnis zur sie umgebenden Architektur und Natur. Für die Fotos arrangierte Ribero ihre ‚Modelle’ überwiegend in motivischen Inszenierungen, die an Carrolls Vorlage angelehnt sind. So ging sie von der dokumentarischen Perspektive zur künstlerischen Interpretation über. Eine zusätzliche Sinnschicht erschließt ein jedem Foto speziell beigefügtes Zitat. Textinhalt und Bildmotiv ergänzen, überblenden und erweitern einander, ohne ihre jeweilige Autonomie zu verlieren. Die Protagonistin aus Carrolls Erzählung wird von Ribero herangezogen zur Typisierung des Aufwachsens in einem Klima der Entfremdung und Randständigkeit, der Polarität unterschiedlicher Lebensaussichten und Wertvorstellungen. Auf der einen Seite denen, die die Einwanderergeneration ihren Kindern vermittelt hat, auf der anderen Seite den Angeboten und Reglementierungen, die unsere Gesellschaft für sie bereithält. In den Bildern verändert sich das kindliche Erstaunen von Carrolls Alice über die Unverständlichkeit von Rollenzuweisungen einer durch Fabelwesen repräsentierten Erwachsenenwelt zu einem fortdauernden Gefühl von Fremdheit und Befremdung in der von identifikatorischen Brüchen geprägten Sozialisierung junger Migrantinnen in Deutschland.
Text: Andreas Dunkel
Fotos: Nils Rhode, Laura Ribero, Martin Steffen, Stellwerk Zollverein e.V.
Kontakt für weitere Informationen:
Telefon: +49 201/88 72 111
Mail: info@stellwerk-zollverein.de
Alle Inhalte Copyright by Stellwerk Zollverein e.V. 2010