„Grenzerfahrungen und Identitätserweiterungen des europäischen Bewusstseins zwischen Ost und West“
Internationales Atelierstipendium im Stellwerk Zollverein


Das 3. Atelierstipendium 2006
Die Abschlussausstellung von Iwona Liegmann fand in Kooperation mit dem Forum Kunst und Architektur statt.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erhältlich.
Die Stipendiatin - Iwona Liegmann

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1993: |
graduiert an der Fakultät für bildende Künste der Universität Mikolaja Kopernika in Toruń (Thorn) bei Prof. Zygmunt Kotlarczyk |
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1995-96: |
weiterführendes Studium an der Gray´s School of Art in Aberdeen im Rahmen eines Stipendiums Einzelausstellungen in Toruń, Piła (Schneidemühl), Wrocław (Breslau), Sandomierz (Sandomir), Legnica (Liegnitz), Warszawa (Warschau) und Essen, Teilnahme an zahlreichen Gruppenausstellungen |
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2005: |
erhält Stipendien des polnischen Kulturministeriums sowie der Stadt Toruń für das Projekt „Mummy Mami“ |
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2006: |
erhält das Stipendium des Stellwerk Zollverein e.V. in Essen zum Thema „Grenzerfahrungen und Identitätserweiterungen des europäischen Bewusstseins zwischen Ost und West“ |
Homepage der Künstlerin: http://free.art.pl/liegmann
Das Projekt - "Zwerge - Dwarves"
Auf die nahe liegende Frage, was ein Stipendium zum Thema „Grenzerfahrungen und Identitätserweiterungen“ unter dem Fokus der EU-Osterweiterung eigentlich mit Gartenzwergen zu tun hat, lässt sich bereits eine historische Antwort geben. Gut informierten Zwergensammlern und -liebhabern ist geläufig, dass die Serienfertigung der ersten, auffallend dem ‚deutschen Michel’ ähnelnden Tonfiguren zwischen 1872 und 1890 in Gräfenroda (Thüringen) begonnen haben soll. Weit weniger bekannt dürfte allerdings sein, dass sich das heutige Weltzentrum der Wichtelproduktion im polnischen Nowa Sól (Neusalz) befindet. Mehr als 300 Betriebe sollen dort Mitte der 1990er vor allem für den deutschen Markt produziert haben. Wie sich tradierte Zuschreibungen von Nationalcharakteren angesichts dieses polnisch-deutschen Warenverkehrs geändert haben könnten, darüber ließe sich viel spekulieren.
Sechs Monate lang war die Künstlerin Iwona Liegmann, die freilich nicht in Nowa Sól, sondern in Toruń (Thorn) lebt, dem - wie wir nun wissen - deutsch-polnischen Kulturgut Gartenzwerg auf der Spur. Ihr Interesse bestand aber keineswegs in plakativer Stereotypenabarbeitung. Losgelöst von Klischees, die sich zwischen Schrebergärten, Disneyisierung und Amélie-Reminiszenzen mühelos hätten entfalten können, wollte sie dem Kollektivtypus der Zipfelträger vielmehr über den Weg der Individualisierung näher kommen. Dies umso mehr, weil die über die Zeit ihres Essener Aufenthalts im Atelier angesammelten Zwergenspenden und Flohmarkt-Fundstücke, mit denen sie ausschließlich arbeiten wollte, bereits über ihr Alter und unübersehbare Gebrauchsspuren eine eigene Geschichte suggerierten. So ging Liegmann gleich einen Fiktionalisierungsschritt weiter und schob ihnen ein „verborgenes Privatleben“ unter, über das sie den Kosmos des nanus hortorum vulgaris (gemeiner Gartenzwerg) in gängiger Märchentradition als verschobenes Sinnbild der menschlichen Realität interpretierte - und als Parallelwelt zu ihrer eigenen Wohn- und Arbeitsumgebung.
Aus der Lage von Iwona Liegmanns Künstleratelier auf Zollverein, Schacht 4/5/11, entstand die Anfangskonstellation einer Essener Zwergensaga, welche sich an die mythisch vorgezeichnete Assoziation der Wichtelmänner mit dem Bergbau anlehnt: Nach der Schließung der Zeche Zollverein im Jahre 1986, so Liegmann, seien die Zwerge allesamt arbeitslos geworden. Wie sich ihr Leben seitdem zwergengerecht entwickelt haben mag, darüber fabuliert sie in der Serie von Gemälden, Objekten und zugehörigen Texten, die - hinterlegt mit kongenialer Musik von teamforest - Gegenstand dieser Ausstellung ist.
Die Kitsch-Anmutung, die den Ton- oder Plastikfiguren bereits in ihre Physiognomien geschrieben steht, vermag die Künstlerin ohne Mühe noch einmal bis zum Exzess zu übersteigern, um dann umgehend eine Wendung vorzunehmen, welche ins Groteske, Surreal-Verquere führt. Im Anklang an die Romantik scheint sich die tote Dingwelt industrieller Massenware im Künstleratelier unvermittelt verlebendigt und dabei auf eine manchmal recht beunruhigende Weise verselbstständigt zu haben.
So lässt sich Liegmanns künstlerische Arbeit vielleicht ganz von weitem mit Urs Widmers Roman „Ein Leben als Zwerg“ vergleichen. Liegmann erzählt allerdings eine völlig andere Geschichte, nämlich ein Märchen über die Deutschen und ihre Zwerge als grenzüberschreitendes Reflexionsmodell für Selbst- und Fremdwahrnehmungen. Dies geschieht mit viel abgründigem Witz, ist dabei aber zu guter Letzt auch von einer starken - sich historisch nicht ganz von selbst verstehenden - Sympathie durchzogen.
teamforest - “they want to be called little people (music for an exhibition)”
Musik, Produktion und Instrumente von Philipp Bückle
www.teamforest.de - www.myspace.com/teamforest
34 Minuten, 6 Segmente
a. turn a happy little fella into a sad miner
b. precious collapsed lung
c. do their children grow out of the earth like trees?
d. indietronic sandman
e. powerful tiny fists
f. message of the dream man
Der Kontrast des Zwergs als Sagengestalt und 'reale Person' beschäftigt die Musik von Philipp Bückle, die er speziell für die Ausstellung von Iwona Liegmann komponierte und zusammenstellte. Anhand verschiedener Sample- und Mischtechniken wurde ein hybrides Bild des Zwerges zwischen Kinderlied und Minengeräuschen erschaffen, das, genau wie die verschiedenen verwendeten Musikstilistiken, mehrere Lesarten bietet. Es prallt die unbeschwerte Fröhlichkeit der Disney-Interpretation auf rohe Bergwerksgeräusche und Talking Blues amerikanischer Minenarbeiter. Die Traumwelt des Sandmanns wird mit bizarren Verfremdungen eines David Lynch und der harten Realität des Bergbaus konfrontiert. Die schwarze Lunge jodelt den Zwergenmarsch, die Realität holt den Traum ein, der jederzeit ein Alptraum sein kann.
Wichtigste Zitatquellen: Angelo Badalamenti – Twin Peaks Soundtrack, Cex – Cex at arm’s length, Lee Dorsey – Working in a coalmine, Heinz Strunk – Trittschall im Kriechkeller, Adolf Winkelmann – Jede Menge Kohle (Film), V.A. – Come all you coalminers, V.A. – Disney’s Schneewittchen OST und Fundstücke aus Kinderliedern, Filmen, Hörspielen.
Mit besonderem Dank an:
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DAS NETZ IST ALLES |
die Galerie Frank Schlag und den Koncern Energetyczny ENERGA SA (Niederlassung in Toruń) für die Finanzierung des Ausstellungskatalogs, Olaf Eybe von der Deutsch-Polnische Gesellschaft Essen e.V., Mara & Karl-Heinz Mauermann und Ulrich Bode & Dr. Veronika Grabe vom Zeche Zollverein e.V. - Verein zur Förderung der Geschichte des Bergwerks für ihre persönlich engagierte, tatkräftige und hilfreiche Projektbegleitung, das Deutsche Bergbau-Museum Bochum, die Deutsche Steinkohle AG und das Ruhrlandmuseum Essen für die freundliche Unterstützung bei der Beschaffung von Tondokumenten aus dem Bergbau, die Mitglieder, Freunde und Sponsoren des Stellwerk Zollverein e.V. und viele andere.
Kontakt für weitere Informationen:
Telefon: +49 201/88 72 111 Mail: info@stellwerk-zollverein.de
Texte: Philipp Bückle, Andreas Dunkel, Iwona Liegmann
Fotos: Jürgen Diemer, Iwona Liegmann, Stellwerk Zollverein
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